Mittwoch, 23. September 2015

Vorstiegsroute

Es fühlt sich ein bisschen an wie der Vorstieg im Kletterfelsen.
Immer an der Kippe zwischen vollem Risiko und ins Seil fallen lassen. Und stets Ausschau halten nach der nächsten Möglichkeit meinen Sicherheitskarabiner einzuklinken und für den nächsten Schritt wieder gesichert zu sein.
Und gleichzeitig schleicht sich das Vertrauen auf Altbewährtes ein, ich versuche mich an alte Gewohnheiten zu klammern, um aber fast in der gleichen Sekunde, wo ich mich durch das alte gesichert und gestärkt fühle, festzustellen, dass es diesmal anders ist.
Immer im Hinterkopf, dass man mit diesem sicheren Fehlverhalten nicht ans Ziel gekommen ist. Auch wenn es vielleicht bequemer war, war es am Ende doch mühsamer und schweißtreibender.
Und dann ist es nicht nur die Angst in der momentanen Situation möglicherweise den Halt zu verlieren, sondern viel mehr die Angst wieder auf den gewohnten Weg zu kommen und den selben - falschen - Weg ein zweites Mal einzuschlagen.
So kämpfe ich mich mit aller Kraft durch Neues und Gewohntes und Gemustertes und Ungewisses - den Tränen nahe und doch so viel stärker als erwartet.

Samstag, 15. August 2015

Lebensreich

Viele unsagbar schöne Dinge widerfahren mir. Weil ich es zulassen kann. Es fühlt sich an, wie die ersten Schritte nach einer langen Krankheit, die man im Bett verbracht hat. Etwas wackelig, neu, aber doch irgendwie vertraut. Denn ich vertraue darauf, dass ich es noch kann, dass ich weiß wie es geht. Und ja, es geht. Vielleicht etwas ungewohnt, aber doch nicht völlig fremd.
Die Augen weit offen, die Nasenflügel geweitet und bereit alles, jeden Lufthauch, jede Farbe, jedes kleine Detail zu spüren und förmlich aufzusaugen.
Und plötzlich, mit einer Intensität, die nie zuvor dagewesen scheint, lebe ich den Moment. Genau so wie er gerade passiert, mit all seinen Facetten und Reichtümern.

Die Gegenwart legt sich wie ein Schleier über meine bedrückenden Gedanken, die sich um die Zukunft sorgen und die Vergangenheit beweinen. Denn nun zählt nur das Jetzt. Meine Aufmerksamkeit gilt einzig und allein, der Schönheit des Augenblicks. Dem Schmetterling, der mein Sichtfeld kreuzt, den wärmenden Sonnenstrahlen auf meiner Haut, dem Duft, der vom Meer in meine Richtung weht und vor allem mir, wie ich hier sitze, die Beine überkreuzt und atme. Oh, dieser Atem, wie er in und aus meinem Körper strömt, mir Kraft gibt und mich mit Leben füllt - mich leben lässt.

Donnerstag, 13. August 2015

Auf den Brettern dieser Welt

Ich steh mit beiden Füßen am Boden - trotzdem wackelig. Erst war mir nicht klar warum, doch ein kleiner Windhauch hat den Schnee von meinen Schuhen geweht und ich sehe, dass ich an jedem Bein einen anderen Schi trage. In Länge, Breite und Farbe völlig unterschiedlich.
Ich versuche mit dieser Situation klar zu kommen. Probiere jeweils auf einem Bein zu stehen, balanciere und versuche das Gleichgewicht zu halten. Aber so sehr ich mich auch bemühe, es scheint unmöglich zur Ruhe zu kommen. Die wohl beste Idee wäre es, die Schier abzuschnallen und mich auf ein Snowboard zu stellen. Mit beiden Beinen auf einem Brett – das verspricht Festigkeit und Sicherheit.
Doch noch habe ich nicht den Mut die Bindung der Schier zum Öffnen genauer unter die Lupe zu nehmen. Der Moment des Abschnallens fühlt sich in meiner Vorstellung noch wie ein Sturz an – nicht wie der freie Fall, dem man vielleicht auch etwas Positives abgewinnen könnte.
Außerdem ist das Snowboard noch nicht in Sicht. Ich brauche es wohl erst griffbereit, dass ich meine sicheren Bretter loslassen kann.

Mittwoch, 8. Juli 2015

ich bei dir

Nicht du bist es, sondern ich bin es wenn ich bei dir bin - das ist das Gefühl, das macht es so echt.
Du lässt mich meine Luft atmen, mein Ich auf deiner Schulter ruhen.
Bei dir bin ich nicht nur ich, nein ich spüre mich, jeden Zentimeter meiner Haut, jedes Haar meines Körpers, das sich unter deinen Berührungen hebt und sich deiner streichelnden Hand entgegen streckt.
Mit dir spüre ich das Leben in mir, ich lebe es ohne darüber nachzudenken und lass es einfach zu.
In deinen Küssen versinke ich und spüre die Sehnsucht danach sobald deine Lippen meine loslassen.
Du weckst die schönsten Seiten in mir und schenkst mir das wertvollste - mich selbst.

Donnerstag, 2. Juli 2015

step by step

Schritt für Schritt schreite ich voran. Immer weiter nach vorne, immer gerade aus und der Nase nach. Über Stolpersteine, durch Wasserpfützen und mit immer wechselndem Schuhwerk versuche ich meinen Weg zu bestreiten. Ausgerüstet mit allen möglichen Hilfsmitteln strebe ich stets nach vorne, immer bedacht, nicht hinzufallen oder gar stehen zu bleiben. Manchmal senke ich meinen Blick, um genau erkennen zu können wohin ich gerade trete. Ein anderes Mal schaue ich zurück - mal mit Stolz, welche vorerst unüberwindbar scheinenden Hürden ich gemeistert habe - mal mit schmerzender Sehnsucht wieder dorthin zurückkehren zu wollen, woher ich gekommen war.
Aber vor einem Jahr verlor ich plötzlich den Boden unter meinen Füßen. Das Hinfallen fühlte sich mehr wie ein Sturz aus enormer Höhe an. Der Aufprall grob und schmerzhaft. Aufstehen und weiterlaufen schien unmöglich. Liegen bleiben und Wunden lecken war da eher angebracht. Zitternd vor Kälte, ängstlich, allein und in der Dunkelheit gefangen, kauere ich mich auf meinem staubigen kleinen Fleck Erde, der mich zu verschlingen drohte, zusammen und krümmte mich vor Kummer. Erst als der erste Schock des Sturzes überwunden war, bemerkte ich, dass ich gar nicht weit gefallen war. Der Boden gewann nach und nach an Stabilität, die Steine um mich herum wurden etwas weniger scharfkantig, der Regen lies etwas nach. Ab und zu spürte ich eine warme Hand auf meiner Schulter und mit jedem Atemzug gewann ich etwas Mut. Nach unzähligen Versuchen wieder Herr meiner Beine zu werden, schaffte ich es irgendwann mit immenser Anstrengung mich am Boden aufzurichten um mich umzusehen und meine Orientierung wieder zu erlangen. Ich wusste wohl instinktiv in welche Richtung ich mich fortbewegen musste. Aber irgendetwas hielt mich davon ab. Lieber verharrte ich noch etwas in dieser Position, schaute zurück und weinte um den Verlust des Weges, der im Nebel versunken hinter mir lag. Erst als sich mehrere Arme, wie eine unsichtbare Stütze, unter mir ausbreiteten und mir auf die Beine halfen, konnte ich den Horizont und die dort aufgehende Sonne erkennen. Etwas mutiger schaute ich nun auf das was vor mir lag. Der Himmel wurde etwas klarer, der Staub auf meiner Kleidung begann langsam zu trocknen und meine Wunden hörten auf zu bluten. Jedes neue Luftholen brachte mir etwas mehr Willenskraft und Mut den Weg weiterzugehen. Nach ein paar Schritten begannen auch die Schmerzen, die durch meine ganzen Körper zuckten, etwas schwächer zu werden. Langsam, ganz langsam versuchte ich einen Fuß vor den anderen zu setzen und merkte, dass mir das besser gelang, als ich es für möglich gehalten habe. Mit wackeligen Beinen und einem stets andauernden Zittern in den Knien traute ich mich sogar kleine Hindernisse zu überwinden. Manche Steine, die sich vor mir ausbreiteten und unüberwindbar schienen, erforderten besonderer Begutachtung und geduldiger Überwindungsstrategieentwicklung. Immer wieder ertappte ich mich dabei innerlich aufzugeben, alles hinschmeißen zu wollen. Doch der innere Antrieb und der Wunsch voranzukommen machten sich immer wieder bemerkbar und waren letztendlich die ausschlaggebende Kraft, die mich dazu zwang meine Knie durchzustrecken und den nächsten Schritt zu tun.